Hörbücher Schlagworte: reich
Simplify your life hieß jener Überraschungsbestseller, der uns dazu ermuntern wollte, unser Leben klarer zu strukturieren und einfach lebenswerter zu machen. Tausende von Tipps hatten die Autoren zur Hand, um Haus, Hof und Dasein von Ballast zu befreien. Das funktionierte erstaunlich gut, was sicher nicht zuletzt an Zeitmanagement-Ikone Lothar Seiwert lag, der gemeinsam mit Marion und Werner Tiki Küstenmacher viele praktische Anregungen aus dem Hut zauberte, um auf magische Weise Ordnung zu schaffen.
Seiwert ist nicht mehr dabei beim Autorenteam von Simplify your love, dessen Titel an den Erfolg seines Vorgängers anzuknüpfen sucht. Vielleicht ist das der Grund, warum das Werk der Küstenmachers weniger klar daherkommt. Ohnehin ist Simplify your love etwas ganz anderes als Simplify your life. Es ist ein Partnerschaftsfindungs- und Partnerschaftsberatungsbuch. Und es wählt einen etwas anderen Weg. Denn es will die Liebe nicht einfacher machen. Es will vielmehr verhindern, dass sie zu kompliziert zum Überleben wird.
Ein „Navigationssystem im Reich der Liebe“ will Simplify your love sein, und tatsächlich lesen die Sprecher Nick Benjamin, Helmut Winkelmann und Susanne Grawe den Küstenmacherschen Text derart emotionslos, als wollten sie den Hörer in seinem Auto von A nach B transportieren. Das hilft einem, jenen Teil der Ratschläge kritisch zu hinterfragen, den man kritisch hinterfragen sollte (warum zum Beispiel sollte man in Kneipen nur rauchende Partner finden können, und warum sollten Suchende, die nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprechen, hier chancenlos sein?). Und er macht die zum Teil gewöhnungsbedürftige Metaphorik vom Finsterwald oder „Gutshof der Liebe“, in die auch ein Teil der Tipps gekleidet ist („Lassen Sie sich gemeinsam segnen, segnen Sie sich gegenseitig“), erträglicher.
So sollte man Simplify your love besser hören als lesen. Und dann wird man erkennen, dass sich hinter all dem, was man am Text auch kritisieren kann, sehr viel Wahrheit und Weisheit verbirgt. 2 CDs, 142 Minuten–Thomas Köster, Literaturanzeiger.de
Hitlers Taten waren abscheulich. Doch der Diktator war nicht psychisch krank, sondern normal. Statistisch gesehen verüben psychisch Kranke sogar weniger Straftaten als Normale, weiß Psychiater Manfred Lütz aus dem Klinikalltag zu berichten. In seinem Streifzug durch die Spielarten der menschlichen Psyche versucht der Autor, das Wesentliche von Psychiatrie und Psychotherapie darzustellen. Prima, wenn endlich jemand anschaulich erklärt, worüber viele sprechen, aber nur wenige wirklich eine Ahnung haben.
Hauptsächlich dreht es sich um psychische Krankheiten und gängige Therapien. Zunächst führt uns Lütz jedoch vor Augen, wie sehr das Verhalten psychisch Gesunder seltsame Blüten treibt. „Normalos“, die in stumpfer und spießiger Atmosphäre vor sich hindümpeln, bekommen genau so ihr Fett ab wie diejenigen, die Blödsinn professionell erzeugen. Dazu zählt Lütz die Ergüsse von Dieter Bohlen, Paris Hilton oder wilde esoterische Pendeleien.
Zugegeben, das Inhaltsverzeichnis sieht arg nach Seminararbeit aus. Die Stärke des Buches macht aus, dass Lütz viele plastische Beispiele anbietet, um nackte Theorie mit Leben zu füllen. So verstehen Laien besser, was zum Beispiel Depressive von Manikern unterscheidet. Und wenn wir erfahren, wie eine Patientin einmal die Bundeswehr aufmischte, öffnet sich die Pforte zum Reich der netten Anekdote.
Bei der neuen „Volkskrankheit“ Alzheimer konstatiert Lütz: „Wie eine Gesellschaft mit ihren Demenzkranken umgeht, das ist die Nagelprobe für ihre Menschlichkeit.“ Ergo ist die von Lütz angekündigte „heitere Seelekunde“ so lustig nun auch wieder nicht. Tatsächlich fehlt es Lütz nicht am nötigen Ernst, wenn etwa dargelegt wird, wie wenig Wahlfreiheit Süchtige haben, was im Wahnsystem schizophrener Patienten passiert oder wann Psychopharmaka eine befreiende Wirkung entfalten.
Dass wir die Falschen behandeln, wie der Untertitel des Buches reißerisch ankündigt, erweist sich als zu viel des Guten. Auf alle Fälle gilt: „Das mutwillige oder zynische Suchen nach Defiziten bei gesunden Menschen ist menschenunwürdig“, wie der Psychiater und Arzt vor Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre warnt. Und während die einen die bisweilen betont locker-flockige Art des Autors weniger mögen, sehen andere darin eine souveräne Haltung voll heiterer Demut. Unter dem Strich lautet deshalb die Diagnose des Kritikers: Prädikat wahnsinnig lesenswert!
– Herwig Slezak
Irre! Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen. – Eine heitere Seelenkunde. Hörbuch



